Kiyosumi-Shirakawa Tokyo: Das ultimative Kaffee-Viertel entdecken

Kiyosumi-Shirakawa

Ich bin nicht wirklich anfällig für Süchte. Und doch, wenn ich meine tägliche Tasse Kaffee nicht trinke, scheint dem Tag etwas zu fehlen. Heißt das Sucht oder Verlangen nach Stabilität? Tokyo hat das Kaffeeschenken zur Kunst erhoben. Teemeister schulen sich zu Baristas um. Zwischen dem Kiba Park und den Kiyosumi-Gärten liegt ein wundersames Viertel, das sich selbst als das Kaffee-Viertel von Tokyo herausfordert.

Die größte Attraktion des Viertels ist das Museum für zeitgenössische Kunst. Die lokalen Kaffeehäuser und Kunstgalerien bestimmen außerdem das Tempo und das Gefühl des Viertels. Sie schenken den allerbesten Kaffee der Stadt durch die ständige Konkurrenz und den dazugehörigen Drang, die Allerbesten zu sein.

Dieses alte Fabrikviertel lag vor zwei Jahrzehnten noch verlassen da. Günstige Mietpreise lockten unabhängige Investoren, die im Handumdrehen das Viertel in einen wahren Himmel für Baristas und Kaffeetrinker verwandelten. Tauche einen Tag in das große Kaffee-Abenteuer ein, besuche eines der stärksten Museen der Stadt und ende in den Kulissen des spektakulären Fukagawa Fudo-Tempels.

Unsere Reisetipps

Basho Memorial

Matsuo Basho wird allgemein als der größte Haiku-Dichter betrachtet. Er lebte und arbeitete in diesem Tokyo Viertel zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Ab seinem 28. Lebensjahr zieht er als reisender Mönch mit seiner stetig wachsenden Anzahl von Anhängern durch Japan. Er deklamiert seine Haikus unterwegs und die Jünger schreiben sie auf.

Ich fordere dich heraus, hier bei der Statue von Basho, mit Blick auf den Sumida-Fluss, selbst ein Haiku zu schreiben. Die Regeln sind einfach: Zeile eins enthält fünf Silben, Zeile zwei hat sieben und die letzte wieder fünf. Meist verarbeitet der Haiku-Dichter auch ein natürliches Element in sein Gedicht. In der Nähe dieses Monuments kannst du das Basho-Museum besuchen. Dafür musst du allerdings Grundkenntnisse in Japanisch beherrschen, um überhaupt etwas davon zu verstehen.

Basho starb unterwegs wie ein echter Reisender. Am Morgen seines Todes diktiert er ein letztes Haiku an sein Gefolge:

„Krank auf dieser Reise – Über die dürren Felder – Bleiben die Träume“.

  • Adresse: 1 Chome-1-3 Tokiwa, Koto City, Tokyo 135-0006, Japan

Kiyosumi Koen-Gärten

Kiyosumi garten
Kiyosumi-Gärten im gleichnamigen Kiyosumi – Tokyo

Der attraktive Teich und die Felsformationen in diesem Garten sind das Werk der Iwasaki-Familie. Diese Familie kaufte den Garten während der Meiji-Restauration. 1932 eröffnet die Stadt diesen wundersamen Garten für die Öffentlichkeit. Das Teehaus serviert keinen Kaffee, sondern perfekt dosierte Matcha-Tee und traditionelle japanische Gerichte. Über die Felsen wandeln, zu den Koi-Karpfen und Schildkröten blicken ist ein schöner Beginn für einen Besuch in diesem Viertel.

Fukagawa Shiryokan-Dori

Auf dem Weg von den Kiyosumi-Gärten zum Museum für zeitgenössische Kunst wandelst du durch die stillgelegte Fukugawa-Einkaufsstraße. Außer einigen Blumenläden, einem verstaubten Tabakladen und einigen leeren Imbissbuden scheint diese Straße auf den ersten Blick nichts Besonderes zu sein. Gerade hier kannst du die Seele dieses Viertels berühren. Kiyosumi-Shirakawa funktioniert als eine Verschmelzung zwischen Hipster-Hip und altmodischer Solidität. Du musst hier nicht stundenlang herumhängen. Kurz einen Blick erhaschen, Atmosphäre kosten und dann hop zum nächsten Kaffee-Stopp.

Fukagawa Edo Museum

Das Edo-Museum in Fukugawa
Das Edo-Museum in Fukugawa, Wikipedia: DryPot

Irgendwo in der Mitte der Fukagawa Shiryokan-Dori liegt das Fukagawa Edo Museum. Natürlich ist das Edo-Museum in Ryogoku viel imposanter und umfangreicher als diese lokale Variante und doch ist es hier, wo du die echte Atmosphäre aus der Edo-Zeit spürst. Lokale Guides laufen im sorgfältig nachgebauten Edo-Dorf herum und geben kostenlose Führungen. Anders als beim großen Bruder in Ryogoku darfst du hier die Kulissen betreten, wenn du deine Schuhe ausziehst.

Dank der Guides und der soliden Kulissen lernst du, wie Tokyoter unter der Herrschaft des Shogun lebten. Wie sie immer bereit standen zu fliehen beim nächsten Brand, wie der Aussichtsturm zur Seite zugenagelt blieb, die auf das Schloss des Shogun blickte und welche täglichen Routinen bei den Bewohnern von Edo eingebacken waren – schönes Museum als Zwischendurch während deiner Kaffee-Wanderung.

Museum für zeitgenössische Kunst

Museum of Contemporary Art Kiyosumi-Shirakawa
Das erneuerte Museum of Contemporary Art in Kiyosumi-Shirakawa, Flickr: Kentaro Ohno

Vollständig erneuert wieder eröffnet im März 2019, braucht diese Institution für zeitgenössische Kunst etwas Zeit, um wieder die Herzen der Tokyoter zu erobern. Das wird wahrscheinlich nicht lange dauern. Das Museum kann aus einer Sammlung von 4.700 internationalen und japanischen Spitzenwerken schöpfen. Die Wechselausstellungen sind von einem ungekannt hohen Niveau. Dieses Museum wird zu Recht noch immer als eines der besten in Tokyo betrachtet. Hier darfst du gerne einen extra Tag einplanen.

Kiba Park

Kiba Park ist eine grüne Oase im Viertel Koto, ideal um dem Trubel von Tokyo zu entkommen. Dieser ausgedehnte Stadtpark bietet breite Wanderwege, Sportfelder und Picknickplätze, perfekt für einen entspannten Nachmittag. Im Frühling färben die Kirschbäume den Park rosa, während Jogger und Radfahrer hier das ganze Jahr über ihre Runden drehen.

Sakura Gallery

Lokale Künstler bekommen bei Sakura Gallery die Gelegenheit, ihre Werke der Öffentlichkeit zu zeigen. Der Raum passt vollkommen in eine Umgebung wie diese. Klein, trotzdem auffallend und alle Aufmerksamkeit geht auf das eigentliche Werk. Wenn du der Kaffee-Wanderung genau die essenzielle Note mitgeben möchtest, darfst du Sakura Gallery nicht überspringen.

Fukagawa Fudo

Fukagawa Fudo-Tempel mit Buddha-Figuren
Die 800 Buddha-Figuren von Fukagawa Fudo, Flickr: Guilhem Vellut

Nach all dem Kaffee schlägt mein Herz über. Zitternd auf den Beinen stehe ich vor dem absoluten Höhepunkt des Tages und einem der goldenen Spots in Tokyo: dem Fukagawa Fudo. Ursprünglich im 18. Jahrhundert gebaut und nach den Bombardierungen am Ende des Zweiten Weltkriegs wieder aufgebaut.

In den letzten Jahren nimmt die Anzahl der Touristen hier ernsthaft zu. Das ist verständlich. Die Anziehungskraft dieses Tempels liegt vor allem bei dem Gang mit den 800 gläsernen Buddha-Figuren und bei dem besonderen Feuerritual, das fünf Mal pro Tag aufgeführt wird. Wandelnd in der Umgebung hörst du bis weit hin die Mönchsstimmen stöhnen und die Trommeln schlagen.

Von diesem Ritual geht eine unbeschreibliche Kraft aus, die mit Litern Koffein im Blut noch intensiver ankommt. Und eigentlich ist der Fukagawa Fudo sicher nicht der schönste Tempel. Der Stilmix stört. Das moderne sanskritschwarze Gebäude auf dem alten Tempel scheint hier überhaupt nicht hinzugehören. Das macht alles nichts aus. Fukagawa Fudo besuchst du nicht wegen der Außenseite. Irgendwo im Inneren verbirgt sich eine besondere Kraft, die jeden Besucher umhaut.

Jede Reise durch Tokyo beende ich, nach Litern Kaffee, auf den Stufen von Fukagawa Fudo. Das Feuerritual bringt mich zum Weinen, immer wieder und ich kann nicht genau erklären, warum. Du musst das selbst erleben, um es zu verstehen.

Essen in Kiyosumi-Shirakawa

Clann By The River (BBQ)

Die Terrasse des Lyuro Hotels ist frei zugänglich und serviert an schwülen Sommerabenden Grillgerichte begleitet von einem frischen Bier. Bist du im Sommer in Tokyo und ist es ideales Grill-Wetter, dann buchst du am besten so schnell wie möglich einen Platz auf der Terrasse von Clann By The River. Den Blick über den Sumida-Fluss und die untergehende Sonne bekommst du gratis dazu. Spare Ribs und Bier vom Fass, es ist, als würdest du in deinem eigenen Garten sitzen.

Cheese no Koe

Dieser lokale Käse-Spezialist beweist im Alleingang, dass Milchprodukte einen echten Aufschwung in Tokyo erleben. Der „Käse-Flüsterer“, Übersetzung von Cheese no Koe, verkauft zweihundert verschiedene Käse aus Hokkaido. Wenn du an ein Picknick im Park denkst, dann ist Cheese no Koe Pflichtprogramm.

Trinken im Viertel

Tokyo Blue Bottle

Tokyo Blue Bottle in Kiyosumi
Tokyo Blue Bottle in Kiyosumi, Flickr: chinnian

Tokyo erlebt momentan seine dritte Kaffeewelle. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist Ginza das Zentrum für kaffeetrinkende Tokyoter, wo die lokalen Teehäuser, Kissaten, sich mehr und mehr in trendige Kaffeebars transformieren, wobei „Hand Drip“ Kaffee zum Markenzeichen der Stadt wird.

Nach dem Zweiten Weltkrieg spezialisieren sich Tokyoter weiter unter dem Einfluss ausländischer Kaffeemarken. Heute verkauft man weltweit japanische Handdrip-Kaffeemaschinen. Japaner wollen gerne in allem Meister sein. Als 2015 die kalifornische Kette Blue Bottle in Kiyosumi niederlässt für die Eröffnung ihrer ersten überseeischen Kaffeebar, verursacht das eine Kettenreaktion in der damals schon blühenden Kaffee-Szene. Plötzlich bildet das schlafende Kiyosumi-Shirakawa das schlagende Herz der Tokyo-Baristas.

Herrlicher Kaffee bei Tokyo Blue Bottle
Herrlicher Kaffee bei Tokyo Blue Bottle, Flickr: Blowing Puffer Fish

Blue Bottle managementiert alles selbst. Den Kaffee rösten sie hier in ihrer eigenen Rösterei und schenken ihn nicht später als 48 Stunden danach aus. Dadurch schmeckt der Kaffee immer frisch und die Aromen öffnen sich schnell. In der schönen gläsernen Halle ist es immer gemütlich belebt. Am Wochenende platzt es vor Kaffee-Freaks aus allen Nähten. Du kannst natürlich auch für die Take-away-Option wählen. Ich selbst bevorzuge einen Platz nahe der Theke, damit du die jungen Baristas bei der Arbeit sehen kannst. Nimm zum Kaffee so einen köstlichen Scone, der direkt von der berühmten Katane-Bäckerei kommt, wie alle Gebäckstücke hier übrigens. Blue Bottle ist der trendiest Ort von Tokyo!

Arise Coffee Roasters

Beim zweiten Kaffee-Stopp fühlst du dich sofort wie der Freund des Hauses, der mal kurz hereinspringt für einen Plausch und eine Tasse Kaffee. Arise Coffee Roasters hat nur zwei Sitze und eine Bank in einem Dekor voller Skateboards, die aus der reichen Sammlung des Besitzers stammen. Zwischen den zehn verschiedenen Geschmacksrichtungen zu wählen scheint eine unmögliche Aufgabe, also hilft dir der Barista mit viel Vergnügen weiter.

Was für ein Kaffeetrinker bist du eigentlich? Magst du bitter, fruchtig, stark oder mild? Der Lieblingskaffee vieler Kunden ist der von Kaffeebauer Alfredo Diaz aus der Dominikanischen Republik, eine selige Tasse fruchtiger Trost. Fünf Minuten Fußweg von hier hat der Besitzer ein zweites Geschäft eröffnet: Arise Coffee Entangle – ein traditionellerer Aufbau einer Kaffeebar mit demselben Spitzenkaffee.

Allpress Espresso

Allpress Espresso Kaffeebar in Kiyosumi, Tokyo
Fan von Espresso? Dann musst du zu Allpress Espresso! Flickr: studio tdes

Lange bevor das amerikanische Blue Bottle hier das Viertel in ein Hipster-Paradies verwandelte, landeten die Neuseeländer von Allpress hier in einem alten Lagerhaus, das sie fachmännisch in die erste Kaffee-Attraktion des Viertels verwandelten. Sowohl der Kaffee als auch die Salate, die sie hier servieren, lassen dir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Zieh hier ohne Zweifel die Espresso-Karte oder gehe an blutigen heißen Sommertagen für ihren herrlichen Iced Long Black.

Le Bois

Umgeben von Holzmöbeln und Grün schenkt dir der Besitzer einen duftenden Café Latte mit eleganter Latte Art. Le Bois Kiyosumi Shirakawa atmet die Atmosphäre eines intimen Pariser Boutique-Cafés, während die Holzakzente und üppiges Grün dich in einen kleinen Wald versetzen. Jeder Gegenstand im Laden ist mit Blick fürs Detail ausgewählt, von handgemachter Keramik bis zu minimalistischen Schreibwaren. Hier trinkst du Kaffee, als würdest du in einer künstlerischen Werkstatt sitzen, umgeben von Inspiration. Vielleicht verlässt du den Laden mit mehr als nur einem Koffein-Boost – einem kleinen Designstück für zu Hause zum Beispiel.

Monz Café

Im Schatten des Fukugawa Fudo sitzt ein kleines Café, das ganz einfach die beste Matcha Latte in Tokyo serviert. Monz Café ist ein gemütlicher Abschluss der Kaffee-Route durch Kiyosumi-Shirakawa.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Warum gilt Kiyosumi-Shirakawa als das Kaffee-Viertel von Tokyo?

  • Kiyosumi-Shirakawa wurde 2015 berühmt, als Blue Bottle Coffee hier ihre erste internationale Filiale eröffnete. Das ehemalige Industrieviertel mit günstigen Mieten zog danach zahlreiche unabhängige Röstereien und Specialty-Coffee-Shops an. Die ständige Konkurrenz zwischen den Baristas führt zu außergewöhnlich hoher Kaffeequalität.

Kann man alle Kaffeebars an einem Tag besuchen?

  • Ja, aber bereite dich auf einen Koffein-Marathon vor! Die meisten Coffee Shops liegen nur 5-10 Gehminuten voneinander entfernt. Plane etwa 30-45 Minuten pro Café ein und kombiniere die Kaffee-Tour mit Besuchen im Museum für zeitgenössische Kunst und den Kiyosumi-Gärten für eine perfekte Balance.

Was macht das Feuerritual im Fukagawa Fudo so besonders?

  • Das Goma-Feuerritual wird fünf Mal täglich von Mönchen durchgeführt und ist eines der intensivsten spirituellen Erlebnisse in Tokyo. Die Kombination aus Sanskrit-Gesängen, Trommelschlägen und dem lodernden Feuer schafft eine fast hypnotische Atmosphäre. Nach mehreren Tassen Kaffee ist die Wirkung noch verstärkt, viele Besucher beschreiben es als zutiefst bewegend.

Marco Logmans ist ein leidenschaftlicher Japan-Experte, der vor 20 Jahren zum ersten Mal Japan besuchte und dort sieben Jahre lebte und arbeitete. Mit viel Liebe für Japan teilt Marco gerne seine Erfahrungen und Eindrücke in seinen Artikeln.

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