Japanische Kalligrafie (Shodō 書道) | Japantastisch.de

Japanische Kalligraphie (Shodō 書道)

Wenn du an die japanische Sprache denkst, ist Kalligrafie eines der Dinge, die dir wahrscheinlich in den Sinn kommen. Genau wie bei westlicher Kalligrafie ist es die Absicht, dass du schön schreibst, aber anstatt eines Stifts verwendest du einen Pinsel. Im Japanischen wird Kalligrafie „Shodō“ (書道) genannt, was wörtlich „Schreiben-Weg“ bedeutet, also „der Weg des Schreibens“.

Wenn du etwas in Kalligrafie schreibst, musst du es in einem Zug auf Papier bringen und nicht noch einmal mit dem Pinsel über eine Linie gehen, weil du etwas ‚falsch‘ gemacht hast oder weil du eine bestimmte Linie nicht gut sehen kannst, weil deine Tusche fast aufgebraucht war. Diese Idee kommt aus dem Zen-Buddhismus: Du hast nur eine Chance, etwas auf das Papier zu bringen, also musst du dich auf das konzentrieren, womit du beschäftigt bist.

Als die Japaner die Kanji-Schrift von den Chinesen übernahmen (im 4. Jahrhundert nach Christus), übernahmen sie auch die Art zu schreiben: mit Tusche und einem Pinsel. Weil die Japaner diese chinesischen Schriftzeichen nach und nach auch an ihre eigene Sprache anpassten, entwickelten sie auch neue Kalligrafie-Stile.

Wann verwendest du Kalligrafie?

Du kannst im Prinzip jeden Text kalligrafieren. Nachdem du dir überlegt hast, was du schreiben möchtest, übst du zuerst auf Übungspapier die Bewegungen. Erst wenn du denkst, dass du bereit für die endgültige Version bist, nimmst du ein schönes Blatt Papier. Atmung und Zen werden während des Prozesses dafür sehr wichtig.

Allerdings ist es immer wichtig, die Striche, aus denen die Schriftzeichen bestehen, in genau der richtigen Reihenfolge auf Papier zu bringen! Gerade weil die Schriftzeichen mit einem Pinsel geschrieben werden, ist die Reihenfolge, in der so ein Schriftzeichen geschrieben wurde, deutlich zu sehen. Wenn du diese Reihenfolge falsch hast, sieht ein Kenner das natürlich sofort.

Im japanischen Alltag wird Kalligrafie als Hobby praktiziert, aber sowohl in der japanischen Grundschule als auch in der weiterführenden Schule werden Kalligrafie-Stunden gegeben. In der Grundschule verpflichtend, in der weiterführenden Schule als Wahlfach. In den Stunden in der Grundschule macht die ganze Klasse gemeinsam die Kalligrafie-Übungen und schreibt oft die Schriftzeichen, die sie gerade gelernt haben. Manche Schulen haben auch einen Kalligrafie-Club. Erwachsene können Kalligrafie zu Hause üben, aber auch zum Beispiel bei einem Kalligrafie-Club in einem Gemeindezentrum. Japaner sehen Shodō wirklich als ein wichtiges Thema ihrer eigenen Kultur. Japanische Kalligraphie ist auch ein bedeutender Teil der japanischen Kunst.

Neben dem Weg des Kalligrafierens kennen Japaner noch viele weitere von diesem Typ Strömungen wie zum Beispiel das Bushido, den Weg des Kriegers.

Benötigte Materialien für Kalligrafie

Japanisches Kalligrafie-Set mit Tuschstein (Suzuri), Pinselhaltern und Pinsel für die Shodō-Kunst
Zubehör für Kalligraphieübungen

Für das Üben der Kalligrafie wird eine dünne Art Papier verwendet, das wie Zeitungspapier aussieht. Danach wird es auf schönes Papier geschrieben. Das Kalligrafiepapier heißt „Hanshi“ (半紙) und du hast hier eine günstige Variante zum Üben und eine teurere Variante für deine endgültige Arbeit. Hanshi ist, wie anderes Reispapier auch, nicht reinweiß, sondern milchig.

Um dafür zu sorgen, dass dein Papier nicht verrutscht, während du kalligrafierst, legst du auf den oberen Rand deines Papiers ein rechteckiges Gewicht namens 文鎮, „Bunchin“. Dieses Gewicht kannst du sowohl schräg auf eine Ecke des Papiers legen als auch horizontal auf die kurze Seite des Papiers.

Der Tuschstein 硯, „Suzuri“ ist rechteckig, mit einem aufstehenden Rand. Eine Seite des Rechtecks ist tiefer als die andere Hälfte. Das ist die Stelle, wo die Tusche hineinkommt und du also auch den Pinsel eintauchst. In deutschen Zeichenläden findest du auch oft runde Tuschsteine, aber diese sind chinesisch und nicht japanisch.

Die Tusche wird traditionell auf dem Tuschstein gemacht, indem du Wasser auf den hohen Teil des Tuschsteins gibst und mit einem Stäbchen feste Tusche 墨, „Sumi“ dort eine kreisende Bewegung machst. Es gibt auch Fläschchen zu kaufen mit flüssiger, fabrikmäßig produzierter Tusche 墨汁, „Bokujuu“. Das ist zwar schneller, aber traditionell ist die Absicht, dass du während des Tusche-Machens deinen Geist leer machst, sodass du dich gut auf das konzentrieren kannst, was du gleich schreiben wirst.

Wenn du nach Tuschstäbchen in deutschen Zeichenläden suchst, wirst du oft auch farbige Stäbchen antreffen. Diese sind jedoch chinesischer Herkunft, denn in der japanischen Kalligrafie wird immer nur mit schwarzer Tusche geschrieben.

Die Pinsel 筆, „Fude“

Traditionelle japanische Kalligrafie-Pinsel (Fude) aus Bambus mit Tierhaaren an einem Holzhalter
Kalligrafie-Pinsel „Fude“ genannt

Es gibt verschiedene Arten/Größen von Pinseln 筆, „Fude“ für verschiedene Schreibstile. Die Schreibstile, die du am meisten in der japanischen Kalligrafie sehen wirst, sind Reisho-, Gyousho- und Sousho-tai. Wenn du mit Kalligrafie anfängst, schreibst du meist zuerst in Reisho-tai, dem deutlichsten Stil mit losen Pinselstrichen. Im Gyousho-Stil werden die Schriftzeichen schon fließender geschrieben und du hebst den Pinsel seltener vom Papier ab. Sousho-Stil ist sehr fließend: fast alle Schriftzeichen werden miteinander verbunden geschrieben, oft mit einem sehr dünnen Pinsel.

Wie du den Pinsel halten musst, hängt von dem Stil ab, in dem du schreibst, aber auf jeden Fall hältst du den Pinsel aufrecht (nicht schräg, wie du mit einem Stift schreibst).

Kalligrafie-Pinsel werden aus Bambus mit Tierhaaren gemacht und der Preis hängt von der Qualität ab. Die Pinsel werden in einer Bambusmatte aufbewahrt, die aufgerollt wird und mit einem Schnürchen zusammengehalten wird.

Wenn du die endgültige Version deiner Kalligrafie-Arbeit geschrieben hast, kannst du eventuell deinen Namen daneben schreiben und einen roten, viereckigen Stempel 印, „In“ darunter setzen. Dieser Stempel enthält meist deinen Namen (oder ein Schriftzeichen deines Namens) in Kanji und du kannst ihn selbst aus weichem Stein (zum Beispiel Speckstein) schneiden, aber du kannst auch einen Gummistempel davon machen (lassen).

Es gibt auch sogenannte ‚Pinselstifte‘ 筆ペン, „Fude-pen“ zu kaufen, eine Art Filzstift mit einer Spitze, die aussieht wie ein Pinselchen. Die Tusche, die darin ist, kann aufgehen, daher gibt es auch Nachfüllungen zu kaufen. Diese Stifte sind besonders praktisch, um Schriftzeichen zu schreiben, wenn du nicht so viel Platz hast (und sie also kleiner sein müssen) und die Linien sehr gleichmäßig, oder wenn du schnell etwas Kalligrafie auf zum Beispiel eine Postkarte setzen möchtest. Du kannst sie hier auf Amazon.de kaufen.

Loslegen mit Kalligrafieren

Osaka kaligrafie lehrer

Grundmaterialien, um anzufangen, kannst du in den größeren Zeichenläden in Deutschland finden, aber oft triffst du dann chinesische Materialien an (wenn du Glück hast, auch japanische).

Als Tourist kannst du auch einen Kalligrafie-Workshop in Japan besuchen. Unsere Tipp: frage an der Rezeption deines Hostels oder Hotels, wo du in der Nähe einen Kalligrafie-Workshop besuchen kannst! Mache es dann gleich am ersten Tag, an dem du da bist, weil der Workshop vielleicht erst später in der Woche stattfindet.

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Häufig gestellte Fragen über Shodō/Kalligrafie

Woraus besteht ein japanisches Kalligrafie-Set?

Ein komplettes japanisches Kalligrafie-Set besteht aus Kalligrafiepapier namens „Hanshi“ (半紙), rechteckigem Gewicht namens 文鎮, „Bunchin“, dem Tuschstein 硯, „Suzuri“ und Pinseln 筆, „Fude“.

Gibt es Kalligrafie-Kurse in Deutschland?

Ja, auf jeden Fall! Mehrere Anbieter bieten Kurse in Deutschland für japanische Kalligrafie an. Wir können die von Ambaran Artgroup empfehlen.

Was ist Shodō?

Shodō ist die japanische Bezeichnung für Kalligrafie. Es steht wörtlich für den Weg des Schreibens, wobei „sho“ (書) für das Schreiben eines schönen Schriftzeichens steht und „dō“ (道) der Weg ist.

Was ist der Unterschied zwischen chinesischer und japanischer Kalligrafie?

Japanische Kalligrafie entwickelte sich aus der chinesischen Tradition, hat aber eigene Stile und Techniken entwickelt. Während chinesische Kalligrafie oft farbige Tusche verwendet, beschränkt sich die japanische Shodō traditionell auf schwarze Tusche.

Dieser Artikel wurde von ABC geschrieben und von Juliane Kolbe übersetzt

Marco Logmans ist ein leidenschaftlicher Japan-Experte, der vor 20 Jahren zum ersten Mal Japan besuchte und dort sieben Jahre lebte und arbeitete. Mit viel Liebe für Japan teilt Marco gerne seine Erfahrungen und Eindrücke in seinen Artikeln.

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